Zurück zu mir selbst

Meine Oberschenkel brennen… ich habe Urlaub, vor mir steigt eine große graue Steinwand in den wolkenlosen Himmel und ich frage mich, was ich hier überhaupt mache.

 

„Du schaffst das, Schatz“ , höre ich es hinter mir und das gibt mir nochmal richtig Kraft. Einige Schritte weiter stehen wir am

Gipfelkreuz und schauen auf der linken Seite nach Tirol und auf der rechten Seite auf den Watzmann. Wir sind auf 2.300 m angekommen.

 

Jedes Jahr gehen wir eine Woche mit guten Freunden auf Hüttentour. Das ist unser persönlicher Abschied von dem täglichen Luxus, den wir gar nicht mehr sehen. Das ist unsere Tour durch die Berge und zu uns selbst. Ich erlebe diese Reise immer sehr bewusst – schon Wochen im Voraus. Ich grüble, ob ich das schaffe, ob meine Kondition hält, ob ich Kraft genug habe, ob das Wetter hält.

 

Hätte ich diesen Blogbeitrag letztes Jahr geschrieben, hätte ich vermutlich spekuliert, ob ich jemals wieder so eine Tour mache. Wir hatten eine Woche lang so gut wie keine Sicht, hatten mehrere Dreitausender auf der Strecke und ständig Regen oder Schnee. Es gab Stellen, da wollte ich, dass die Bergrettung mich holt, weil ich nicht dachte, dass es weitergeht. ABER ES GING IMMER WEITER!

 

Und das ist das eigentlich Faszinierende an diesen Reisen. Man kommt ständig an seine körperlichen Grenzen, spürt Körperteile und Muskeln, die sich jahrelang versteckt hatten, glaubt manchmal fast, dass die Lunge zu platzen droht, wenn der Weg noch einige Meter weiter ansteigt. Aber man schafft es immer – jeder für sich und alle zusammen. In unserer Gruppe ist keiner der Stärkste und keiner der Schwächste. Wir sind immer eine Gruppe, während jeder für sich kämpft.

Wir reden und lachen viel auf der Tour. Es gibt aber auch Passagen, da sprechen wir nicht. Stundenlang konzentriert sich Jeder auf die Steine unter den Füßen, die Felsen, die Bachläufe und manchmal auch auf die atemberaubende Natur. In der Zeit denkst du nicht, du bist bei dir und trotz der Anstrengung bist du irgendwie ruhig und konzentriert. Wenn Menschen glauben, diese Touren rauben Kraft, so muss ich widersprechen, denn das tun sie nur temporär. Nach einer Woche im Berg strotzt man nur so vor Energie, man ist geerdet und glücklich über das Erreichte und das Gesehene, über diese Momente, die einem keiner mehr nimmt. Die Probleme, die vor dem Urlaub noch so groß waren wie die Gebirge, die man begangen hat, sind weit weg und so manches Zipperlein ist auf einmal wie weggeblasen (ich spreche wirklich aus Erfahrung! In diesem Jahr konnte ich sogar eine Magenschleimhautentzündung "wegwandern"). Kein Doktor nötig... nur die Berge!

 

Und wie freut man sich auf den kleinen Luxus der ach so einfachen wie zauberhaften Berghütten, wo am Ende des Tages die größte Freude eine dreiminütige Dusche für 3,50 € ist. Hier schwinden Eitelkeiten und Begehrlichkeiten. Hier gibt es nur das, was es gibt: eine Almhütte: manchmal nur mit kalter Tränke und einem blinden Spiegel draußen neben der Eingangstür... und der Wahl zwischen Gemüseeintopf oder Gemüseeintopf. Man sitzt in der Stube mit all den Fremden, die von den Erlebnissen des Tages erzählen, Spiele spielen oder sich einfach nur kennenlernen und lachen - und irgendwie gehören alle zusammen. Hier ist egal wer du bist und was du hast... im Gegenteil – hier ist der König, der den leichtesten Rucksack trägt.

 

Ich bin glücklich, diese Zeit immer wieder zu erleben und ich freue mich schon jetzt auf neue Touren.  

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Kommentare: 1
  • #1

    Karin (Sonntag, 04 September 2016 14:27)

    Liebe Mo, schön geschrieben! Das hat mich direkt an meinen Wanderritt in Dänemark erinnert und ich kann mir ganz genau vorstellen was Du beschreibst. Sehr schön, vielen Dank für die Einblicke in die Bergwelt